In welchem Zusammenhang steht die gute Stimmung und der Wohlklang?

In den unten stehenden Aufnahmen hören Sie ein ungefähr Anfang 1900 von Carl Hintze in Berlin gebautes Piano mit einer so genannten Oberdämpfung. Das bedeutet, dass es sich noch um die alte Klaviermechanik handelt, bei der die Dämpfung oberhalb des Klavierhammers positioniert war. Damit saß die Dämpfung jedoch sehr nah am Saitenrand und für den Dämpfer war vor allem im Diskant kaum noch Raum, so dass die Dämpferfläche minimal war. In der Konsequenz haben die Klaviere mit einer Oberdämpfermechanik fast immer den so genannten Nachklang. Um die Dämpfung zu verbessern, erfand man die Unterdämpfung, die nun unterhalb der Klavierhämmer und somit weiter vom Rand entfernt positioniert ist und daher einen besseren Wirkungsgrad erreicht. Doch mit der neuen Dämpfung hatte sich die Spielart verändert - und zwar negativ. Denn bei der Oberdämpfung bewegt man genau wie beim Flügel lediglich Gewichte. Im Gegensatz dazu muss man bei der Unterdämpfung den Widerstand von Federn überwinden, die nämlich die Dämpfung gegen die Saiten drücken. Im Vergleich der zu überwindenden Kräfte ziehen wir das Gewicht vor, da wir es seit unserer Niederkunft in das Schwerkraftfeld der Erde kennen und somit als authentisch empfinden und bewerten. Federkräfte verhalten sich anders als das Überwinden der Schwerkraft, da sich der Widerstand bei Federn erhöht, umso stärker man sie zusammendrückt. Zum Beispiel beim Keyboard fehlt am Ende der Taste das Gewicht in Form einer Mechanik. Daher wird die vom Spieler herunter gedrückte Taste durch darunter liegende Federn wieder in die Ausgangslage zurück gebracht. Doch beim Herunterdrücken spürt man den zunehmenden Widerstand. Dieser Widerstand macht uns genau genommen Unlust, die Tasten zu drücken. Diese Unlust des Spielgefühls ist der Grund, warum die Keyboard-Hersteller die Instrumente mittels einer gewichteten Mechanik versuchten aufzuwerten, was aber nicht wirklich gelungen ist.

Der Nachklang ist bei unserem Piano nicht so dramatisch. Wichtiger ist daher der Hinweis auf den positiven Aspekt der im Vergleich zum modernen Klavier angenehmeren Spielart. Wie Sie unten hören können, ist die Verstimmung nicht stark aber doch unangenehm. Der Unterschied zur guten Stimmung ist deutlich und lässt die vorher zusammengezogenen Gesichtsmuskeln entspannt lächeln. Doch auch in einem Lächeln steckt noch Spannung. Wenn die Mundwinkel nach oben gezogen werden, gehen auch die Ohren etwas nach oben. Die Ohren scheinen sich regelrecht zu öffnen. Warum ist das so? Interessanterweise höre ich nach dem Stimmen immer wieder, dass das Piano nun völlig anders klingen würde. Das macht mich nachdenklich, denn am Klang hatte ich ja gar nichts verändert. Denn das würde ja bedeuten, dass ich die Filze der Klavierhämmer bearbeitet hätte. Was meinen also meine Kunden? Wenn ich diese Frage dem Kunden direkt stelle, bekomme ich recht exakte Antworten. Sie beschreiben den Ton als genauer und die Stimmung als harmonischer. Das ist es: Der vorher in sich verstimmte Ton, den man je nach Grad der Verstimmung nicht eindeutig zuordnen konnte und daher auch unser Hörzentrum mehr mit dem Suchen nach dem passenden Ton als mit dem Genuss der Musik beschäftigt war, ist nun stimmig im Sinne von präzise und damit beim Hören schneller und leichter zu verarbeiten. Darüber hinaus ist die Stimmung als Ganzes nicht nur gleichmäßig sondern trifft bzw. übertrifft unsere Hör-Erwartung. Das lässt uns innerlich entspannen, was uns wie von einer Last befreit aufatmen lässt.

Entspannung ist für Klavierspieler das Thema. Musik ist ein Faszinosum. Aufgrund der Tatsache, wie tief uns Musik zu berühren vermag, sowie wegen der Vielfalt der Möglichkeiten, die uns Musik bieten kann, ist es für uns ein faszinierendes Thema mit einer hohen Bedeutung. Warum uns Musik derart unter die Haut geht, erklärt sich aus der Definition, dass Musik die Sprache der Gefühle ist. Klar, Gefühle gehen uns unter die Haut! Diese Gefühle zu gestalten, die Empfindungen aus der Welt in der Sprache der Musik auszudrücken, betrifft den kreativen Aspekt des Musizierens. Doch dazu mangeln uns immer mehr die Vorbilder, da der Musikmarkt politisch gewollt weitgehend Monopolen unterliegt. Davon berichtet beeindruckend das Buch des Insiders Berthold Seliger mit dem Titel Das Geschäft mit der Musik.

Gleichzeitig hat sich die Entwicklung der Welt derart dynamisiert, dass der Mensch mit der Geschwindigkeit in seinen Möglichkeiten der Anpassung überfordert ist. Und so wiederholt sich das Phänomen, das dem Klavier bereits mit dem Entstehen der Industriegesellschaft einen großen Zulauf beschert hat: Wir entdecken die harmonisierende Wirkung des Klavierklangs und bewerten damit verbunden die Musik als einen Rückzugsraum, der uns die Möglichkeit bietet, das Übermaß an Stress abzubauen.

Aus der Sicht der Musikverwerter stellt sich die Frage, warum diese Leute nicht einfach einen Streamingdienst buchen, um sich dort von früh bis spät Klaviermusik anzuhören? Warum müssen diese Menschen selber Musik machen? Das hat damit zu tun, dass der Mensch Gestalter sein möchte, so lange das möglich ist. Mit dem aktiven Musizieren verbunden sind wichtige Aspekte der Persönlichkeit: Zum Beispiel die Gelegenheit zur Selbstwirksamkeit. Diese Erfahrung braucht der Mensch, um als Persönlichkeit stabil zu bleiben. Die Herausforderung des beidhändigen Klavierspiels mit der 10-Finger-Technik ist enorm. Zwar müsste uns das heute leichter fallen, da inzwischen mehr Menschen in der 10-Finger-Technik des Schreibens auf einer Tastatur fähig sind. Doch beim Klavierspiel werden die Hände und Finger nicht ausschließlich nacheinander sondern auch gleichzeitig eingesetzt. Die Schulung der Fingertechnik fördert die so genannte Motorische Intelligenz, die uns von unseren nächsten Verwandten, den Primaten, wesentlich unterscheidet. Denn die weitaus bessere Motorische Intelligenz des Menschen hat uns zum Gestalter unserer Welt werden lassen!

Doch der Freiraum zur Gestaltung unserer Welt wird immer geringer. Die Notwendigkeit eines Umdenkens, einer Korrektur des Bisherigen scheint die wünschenswerten Freiräume zu überdecken. Daher geht es für viele Menschen um ein psychisches wie physisches Überleben. Das Übermaß an Stress muss reduziert werden. Wir wissen längst, dass all unsere modernen Krankheiten eine Folge des zu hohen bzw. aufgestauten Stresses sind! Der heilende Arzt ist nach Ausbruch der Krankheit nur allzu oft überfordert. Anstelle der Ursachen werden die Symptome der Krankheiten bekämpft. Eigeninitiative und Eigenverantwortung sind alternativlos. In diesem Sinne ist die Botschaft der im besten Sinne des Wortes fortschrittlichen Management-Trainerin Roswitha A. van der Markt in ihrem lesenswerten Buch Das Ich-will-mehr-Prinzip mit dem Untertitel Auf dem Weg zu einer neuen Leistungskultur zu verstehen, die nämlich lautet, dass wir nicht vergessen dürfen, auch zu leben!

Der Klavierklang hat die Besonderheit, dass er unser Gehör derart moduliert, dass wir über den Vagusnerv und entsprechende Schaltkreise im Gehirn körperlich auf Entspannung eingestellt werden. Dieser Zusammenhang ist dafür verantwortlich, warum wir den Pianoklang als Wohlklang bewerten und empfinden: Er tut uns einfach gut! Das erklärt wiederum, warum viele Freunde der Klaviermusik die gute Stimmung als eine Veränderung des Klangs einordnen: Die Verstimmung hat das Hörzentrum mit Mehrarbeit des Zurecht-Hörens der Verstimmung von der erwünschten Wirkung von Musik abgehalten. Nach der Stimmung hören wir wieder anstelle von Störungen die Musik, die ganz nebenbei entspannend wirken kann. Wohlklang ist demnach etwas, das unser Wohlbefinden verbessert!

Hintze-Piano verstimmt Hintze-Piano gestimmt

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